Irgendwo klingelt ein Wecker. Müde erhebt sich ein Körper aus dem Bett, schwankt ins Badezimmer und in die Küche. Wo war da nochmal der Kaffee? Ach ja, hier. Die Dose aufmachend, Kaffee verschüttend, Filter suchend, wird das scheinbar einfache Ritual zur morgendlichen Herausforderung. Wasser! Ja, Wasser wird auch noch benötigt. Jedenfalls stecken die Tücken im Detail. Sechs Varianten sind bisher bekannt:
Variante 1: Kaffee ohne Kaffee – etwas fad, nur heißes Wasser.
Variante 2: Kaffee ohne Filter ist ein türkischer Kaffee in der Früh. Ergebnis: Putzmunter mit “Sand” zwischen den Zähnen. Wenig ausgehtauglich. Zurück zum Start: Zähneputzen.
Variante 3: Kaffee ohne Wasser. Die Kaffeemaschine streikt, die Sicherung fällt, das Licht geht aus, die Tasse bleibt trocken. Darüber kann man nichtmal mehr diskutieren.
Variante 4: Kaffee ohne Kanne. Die Sauerei schlechthin. Gut, dass Kaffee per se nicht gezuckert ist, sonst würds zusätzlich noch kleben. Küchenputzung ist angesagt. Die gute Laune, wenn es die in der Früh schon gab, sowieso dahin.
Variante 5: Kaffee ohne Strom. Langsam und bedächtig rinnt der Kaffe doch durchs Filter, aber vorsichtig, nur ja nichts verschütten, sonst landet man bei Variante 4. Dem Menschen keimt die Erkenntnis: Nicht alles ist verloren, wenn die Bequemlichkeit verschwindet. Es dauert halt etwas länger.
Variante 6: Wasser, Kaffee, Filter, Kanne, Strom – alles ist vorhanden, alles funktioniert. Der Kaffee gelingt und ist warm und aromatisch. Ein seltener Moment vollkommener Harmonie und Zufriedenheit, der zum denken anregt.
Waren es diese Irritationen, die zu der Erfindung der Kapselmaschine geführt haben? Bequemlichkeit, Ausschalten jeglicher Störanfälligkeiten? Man könnte sich doch auch so eine Maschine zulegen. Oh wait… bei genauerer Betrachtung kommen auch in diesem Falle Variante 1,3,4 und 5 in Frage.. Also doch nicht. Und erst recht der Umweltgedanke. Na den haben wir grad noch gebraucht. Dann lieber über Glück nachdenken. Es kommt die Frage auf, ist es doch nur Glück, dass der Kaffee bei Variante 6 gelingt? Ist der perfekte Kaffee nur eine glückliche Fügung, die uns glauben machen will, dass wir alles unter Kontrolle haben, wenn sogar ein Kaffee von einer überraschend langen Liste an Vorraussetzungen abhängt? Haben wir wirklich alles im Griff, oder einfach meistens nur Glück?
Entstanden 2026 im Workshop Writer’s Tricks. Grundlage war ein Blogbeitrag aus 2005